Alternative culturelle par Janus

Für seinen Blog »Alternative culturelle« hat der Blogger Janus eine französische Rezension zur Ausstellung »der schein« geschrieben. Lest sie hier:

Le Bling-Bling dans l’Art Contemporain

La kestnergesellschaft d’Hanovre présente une exposition de groupe intitulée “Der Schein | Glanz, Glamour, Illusion” s’interrogeant sur les notions de lumière, d’éclat et de matériaux précieux dans la création contemporaine. Le point de départ de l’exposition est la création des sculptures polies de Brancusi au début du 20ème siècle (comme “Princesse X”, 1916), ayant ainsi fait disparaitre toute trace d’un travail artisanal pour aller vers la beauté de la réalisation industrielle synonyme d’une qualité parfaite. Sont présentées des pièces d’artistes allemands (Andreas Gursky, Isa Genzken) mais aussi internationaux allant de McCarthy et Sylvie Fleury à Sherrie Levine et Felix Gonzales-Torres. Le thème pourtant intéressant a pâtit d’une scénographie pauvre avec peu d’oeuvres et souffre également d’un propos trop réduit au “bling-bling”, presque caricaturale, par l’omniprésence d’oeuvres dorées.

L’exposition commence par l’installation de “Fourteen Less One” (2009/2013) de Michelangelo Pistoletto. L’oeuvre réalisée in situ est constituée de 14 miroirs, délimités par un cadre épais, mesurant chacun 3 mètres sur 2 et brisés à coup de maillet à l’exception d’un d’entre eux, laissant un sol jonché de milliers d’éclats de verre. L’artiste joue ainsi avec le reflet d’une réalité fragmentée, erronée, à travers la représentation picturale du miroir brisé, délimité classiquement par l’imposant encadrement doré.

Belle découverte en le collectif international Bernadette Corporation avec cette installation composée de deux luxueux robinets placés face à face mais dans des directions opposées, comme en tentative de dialogue. Sur leurs tranches sont gravés en doré des commentaires trouvés sur Internet après la fuite de photos de la chanteuse Rihanna nue, sur le net. Le collectif s’intéresse en effet aux atteintes à la vie privée et à la divulgation volontaire ou involontaire d’éléments de la vie des artistes dans le processus de reconnaissance du public par le buzz. Bernadette Corporation s’interroge également sur l’appropriation et le détournement de faits privés par le public. Les robinets chromés font appel à la fonction du miroir, et ainsi donc à la notion de narcissisme, soulignée par la propriété même du robinet à refléter une image grossissante du regardeur.

Enfin, la vidéo “Quarta-Feira de Cinzas/Epilogue” de Rivane Neuenschwander suit les déambulations de fourmis après le carnaval. L’artiste brésilienne filme avec poésie l’activité d’une poignée de fourmis transportant dans un décor forestier des confettis avant de s’engouffrer sous terre dans le nid de la colonie. Le ballet des formicidés hissant des confettis immensément plus grandes qu’elles, de toutes les couleurs, n’est pas sans rappeler les drapeaux et tissus agités lors du carnaval, impression alors accentuée par la musique samba de la bande son.

Notons l’agréable présence d’une oeuvre de Joseph Beuys, il s’agit d’un bronze réalisé à partir d’un moule en plâtre créer en 1947 par l’artiste. Cet autoportrait en Néfertiti devait être ainsi initialement exposé dans le pavillon allemand de la Biennale de Venise de 1976.

L’exposition est à voir jusqu’au 17 novembre 2013 à la kestnergesellschaft. Goseriede 11, 30159 Hanover, Allemagne.

http://regardsdejanus.blog.lemonde.fr

»der schein« wird bis zum 17. november verlängert!

Die Gruppenausstellung »Der Schein | Glanz, Glamour, Illusion« geht zwei Wochen in die Verlängerung, für alle die bisher noch nicht die Gelegenheit hatten die Ausstellung zu sehen. Wir freuen uns, die glänzenden Kunstwerke noch ein wenig bei uns zu haben.

eine leidenschaftliche sammlerin

Die Schweizer Künstlerin Silvie Fleury hegt eine obsessive Sammelleidenschaft. In der Villa Magica, einem großen Stadthaus am Rande von Genf, in der Silvie Fleury heute lebt, hat sie ihre Sammlungen untergebracht, z.B. Sachen vom Roten Kreuz . Auch in Fleurys künstlerischem Werk, in dem sie sich mit der modernen Warenwelt, mit Luxusartikeln und mit Glamour beschäftigt, ist ihre Leidenschaft zum Sammeln erkennbar. 1990 präsentierte sie in ihrer ersten Ausstellung zehn bunt gefüllte Einkaufstauschen mit original verpackten Luxusartikeln. Später wurden einzelne Luxusartikel, wie Gucci-Schuhe oder Chanel-Parfumflaschen, zum Mittelpunkt ihrer Kunst.

In der aktuellen Ausstellung »der schein | glanz, glamour, illusion« ist Silvie Fleury mit einem Einkaufswagen aus vergoldeter Bronze vertreten, den sie auf einer Spiegelplattform präsentiert. Die Aufschrift »Plumpity… Plump« auf den Haltegriffen des Wagens stammt ursprünglich aus der Lippenstiftwerbung und bedeutet so viel wie »aufgeplustert«  und ist als subtile Kritik an der überladenden Warenwelt zu verstehen. Dieser außergewöhnliche Einkaufswagen dreht sich noch bis zum 3. November in der kestnergesellschaft.

Silvy Fleury: Ela 75K, Plumpity… Plump, 2000. Courtesy die Künstlerin und Almine Rech Gallery

brâncușis atelier

Der Ausstellung »der schein« dient das Werk des Bildhauers Constantin Brâncuși als konzeptueller Ausgangspunkt. Teils sehr abstrakte  Ideen rücken bei ihm in den Vordergrund, während der Anteil des Künstlers im Schaffensprozess unsichtbar wird. Seine hochpolierten Skulpuren suggerieren einen industriellen Ursprung der Arbeiten, ihre glänzenden Oberflächen reflektieren ihre Umwelt und scheinen so mit ihr zu kommunizieren.

Brâncuși arbeitete mit der Wirkung seiner Werke im Raum, arrangierte sie in seinem Atelier und setzte sie immer wieder neu in Beziehung zueinander. Sein Atelier selbst bildete dabei den Mittelpunkt. Nicht nur seine Werke inszenierte Brâncuși dort, sondern auch sich selbst – nicht narzisstisch, sondern als Schöpfer, dessen Identität verborgen bleibt, der nur durch sein Schaffen existiert.

Im Jahr 1907, kurz nach seinem Abschluss an der Kunstakademie, hatte Brâncuși als einer von rund fünfzig Assistenten im Studio des Bildhauers Auguste Rodin gearbeitet. Während der Meister Vorlagen für seine späteren Werke aus Ton fertigte, übertrugen seine Helfer diese in beinahe fließbandmäßiger Arbeit auf die Marmorblöcke.

Abgeschreckt von dieser Art zu arbeiten, wählte Brâncuși einen neuen Ansatz. In seinem eigenen Atelier verzichtete er auf Modelle als Zwischenstufen und bearbeitete seine Blöcke direkt. Mit der Unmittelbarkeit dieses Verfahrens verweigerte er sich der Möglichkeit zur massenhaften Replikation und orientierte seine Kunst auf die genuine Idee.

Das folgende Video zeigt in dokumentarischen Sequenzen unter anderem Aufnahmen von Brâncuși bei der Arbeit in seinem Atelier oder beim Zerteilen einer seiner berühmten “Endlossäulen” in seinem Garten. Einige der Szenen stammen von Brâncuși selbst, während andere von dem Künstler und Regisseur Man Ray aufgenommen wurden.

 

schöne versprechen – ein gastbeitrag von ninia binias

Ninia Binias unterhält nicht nur den Blog “Ninia LaGrande”. Sie schreibt unter anderem auch für “Les Flaneurs”, veröffentlicht Gastbeiträge in Magazinen und ist als Poetry Slammerin regelmäßig auf der Bühne zu sehen. Für schein-blog.com hat sie das Thema der Ausstellung im Hinblick auf den tagtäglichen Politzirkus interpretiert:

Wenn wir vom Schein sprechen, sprechen wir auch von Blendung. Und nirgends funktioniert das mit der Blendung so gut wie im Geschäft mit der Politik. Der Wahlkampf als Showbühne – und wir sind nur die Kandidaten.

Wenige Wochen vor der Wahl dürfen die Zuschauer ihre Plätze einnehmen. Der Vorhang lüftet sich und das Spiel beginnt. Anfangs versteckt es sich als Komödie. Aber die Show kann nur als Tragödie enden. Wir sehen Kandidaten voller Mut und Enthusiasmus. Und wir sehen Kandidaten, die Mut und Enthusiasmus gut vorspielen können. Wir sehen den Versuch der Zuschauer-Verführung und wir sehen Spieler, die schon im ersten Akt den Tod der Missachtung sterben.

Die wichtigste Währung in diesem Spiel ist Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit um jeden Preis. Aufmerksamkeit, die sich in die Gehirne brennt. Aufmerksamkeit, die für Gespräche sorgt. Aufmerksamkeit, die die Hand zum richtigen Kreuzchen führt. Das Mittel zur Aufmerksamkeit sind Versprechen. Versprechen sind überhaupt das höchste Gut, das den Kandidaten zur Verfügung steht. Sie müssen nur aufpassen, dass sie sich beim Aussprechen der Versprechen nicht versprechen. Ein Versprechen ist ein Schwur. Es stellt eine Verbindlichkeit her, die es einzuhalten gilt. Der Bruch eines Versprechens gilt als unehrenhaft.
Das macht das Versprechen zu dem, was es ist.

Jedem das richtige Versprechen zu geben – das ist die Meisterdisziplin der Kandidaten auf der Showbühne. Du brauchst mehr Geld? Du sollst es bekommen, wenn du MICH wählst. Du willst weniger arbeiten? So soll es sein, wenn du MICH wählst. Du willst dich sicherer fühlen? Ich kümmere mich um dich, wenn du MICH wählst. Wahl um Wahl ist es das gleiche Spiel: ein Aufzählen von Scheinheiligkeiten. Denn das Offensichtlichste in all diesen Versprechen liegt gar nicht so tief verborgen – sie werden niemals eingehalten. Die Zuschauer wissen das. Wir wissen das. Wir müssen es wissen, weil es immer schon so war. Und trotzdem hören wir uns die Versprechen immer wieder an. Wir erzwingen neue Versprechen und klammern uns an Worte statt an Taten. Wir sitzen auf unseren Stühlen
und sehen eine Inszenierung voller Glitzer, Glamour und großen Sätzen. Eine Inszenierung, die größer kaum sein könnte. Ein Spiel voller Gewinner und Verlierer – und wir sind nicht einmal Kandidaten.

Und am Ende gehen Menschen von einer Bühne und leuchten plötzlich nicht mehr. Auf ihre Schultern drückt die Last der Worte, die sie eben noch so einfach aussprachen. Aber sie glauben immer noch, sie könnten das. Sie sind die Auserwählten. Und dann betreten sie einen Spiegelsaal, in dem sie sich so lange vor lauter Selbstbewunderung drehen, bis sie verbrennen.

„Die Botschaft hör ich wohl, allein fehlt mir der Glaube.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Die Illusion hinter Glanz, Glamour und großen Worten zeigen auch die Künstler der Ausstellung. Noch bis zum 3. November 2013.

Sylvie Fleury Ela 75K, Plumpity... Plump, 2000 vergoldeter Einkaufswagen, drehender Spiegelsockel 83 x 55 x 96 cm, Sockel 33 x 100 cm Courtesy die Künstlerin und Almine Rech Gallery

Sylvie Fleury
Ela 75K, Plumpity… Plump, 2000
vergoldeter Einkaufswagen, drehender Spiegelsockel
83 x 55 x 96 cm, Sockel 33 x 100 cm
Courtesy die Künstlerin und Almine Rech Gallery

ein schöner einblick in den schein

Auch auf anderen Blogs kann man in diesen Tagen den einen oder anderen Beitrag zum Schein in der kestnergesellschaft finden:

So besuchte uns beispielsweise der Hannoveraner Journalist Heinz Thiel, der regelmäßig auf dem Blog keineangstvorkunst über aktuelle Ausstellungen berichtet, aber auch seinen eigenen Blog unterhält, auf dem sich der hintersinnige und reich bebilderte Beitrag zu unserer Ausstellung befindet:

http://thielkulturagentur.wordpress.com/2013/08/23/149/#comments

»fourteen less one« in der kestnergesellschaft

Michelangelo Pistoletto (*1933 in Biella) zählt zwar zu den wichtigsten Vertretern der italienischen Arte Povera – einer Kunstrichtung, die sich durch die Präsentation alltäglicher, karger Materialien auszeichnet –, doch wird dieser Begriff nur partiell seinem facettenreichen Werk gerecht. Eher lässt sich sein Schaffen als umfassendes humanistisches Projekt begreifen, in dessen Zentrum der Gegensatz von Kunst und Leben steht, den es zu überwinden gilt.

Seit den 1960er Jahren beschäftigt sich Pistoletto mit dem Verhältnis zwischen dem physischen Raum und dessen illusionistischer Reflexion. Indem er Malerei oder Siebdrucke auf spiegelnde Flächen aufträgt, konfrontiert er das künstliche Abbild mit dem physikalischen Spiegelbild, stellt den Bildraum dem gespiegelten Realraum gegenüber. »Der Spiegel ist die Schwelle zwischen der sich verändernden und der gefrorenen Wirklichkeit, also zwischen Leben und Kunst, zwischen Realität und Fiktion«, so Pistoletto.

In der Installation »Fourteen Less One« (2013) ist der Ausstellungsraum vollständig mit vierzehn großflächigen Spiegeln behängt, von denen dreizehn in einer Performance zerschlagen werden. Der Goldrahmen – als Relikt des mittelalterlichen Goldgrundes – vermittelt wie beim Gemälde zwischen Realraum und Darstellung. Die Spiegel sind Zeugen der physischen Welt; in ihrer wechselseitigen Reflexion verweisen sie auf die Unendlichkeit der Raumzeit und die ewige Erzeugung von Licht und Leben. Die gewalttätige Zerstörung ist Ausdruck von Spannungen der menschlichen Existenz und multipliziert die reflexive Kraft, statt sie zu verringern. In den Scherben wird das vergangene Ereignis, das einen konkreten Raumzeitpunkt markiert, in die vervielfältigte Gegenwart des Betrachters übertragen.

Das Video zur Performance, ausgeführt von Lars-Ole Walburg, Intendant des Schauspielhauses Hannover:

der schein des goldes

Eine Filmbesprechung zu Thomas Arslans “Gold”, einem deutschen Western, seit dem 15.08.2013 im Kino.

Gelockt vom Gold machen sich sieben Fremde im Jahr 1898 auf den Weg in den Norden Amerikas. Anfangs werden die deutschen Reisenden vom Reiseleiter Wilhelm Laser (Peter Kurth) ganz formell für ihre Wahl der Route beglückwünscht. Sie haben sich auf dessen Anzeige gemeldet und sich gegen harte Währung zu einem ungleichen Track zusammengefunden, denn „das Gold zieht alle möglichen Leute an.“ Weiß man doch zu Beginn nichts über die genauen Beweggründe der Einzelnen; warum sie alles hinter sich lassen, um ihr Glück in der Ferne zu suchen.

Gemeinsam ist ihnen nur die Idee vom Gold. Ist es doch nur Platzhalter und Objekt für die unterschiedlichen Beweggründe. Rossmann (Lars Rudolph) will seiner Familie, die zurückbleibt im Elend New Yorks, ein besseres Leben ermöglichen. Das ältere Ehepaar (Wolfgang Packhäuser, Rosa Enskat) ist auf der Suche nach dem Neuanfang. Der Hannoveraner Journalist und Trinker Müller (Uwe Bohm) treibt dagegen die Eitelkeit und die Überzeugung, dass ihm Besseres bestimmt ist, als das ärmliche Gehalt eines „Schreiberlings“. So nutzt er die Reise für eine Sensationsstory, mit der er sich als Pionier einen Platz in der Geschichte sichert. Auch der angeheuerte Packer Böhmer (Marko Mandić) ist nicht nur auf dem Weg zum Gold, sondern auf der Flucht vor seinen Verfolgern, die Blutrache fordern.

Wie Laser sagt ist Gold „Balsam für die Seele.“ Ein Hoffnungsschimmer, der im Film nur ein ferner Schein bleibt. Die zwei Goldnuggets in Lasers Beutel sind Reliquie und Talisman, werden zum Ansporn in der Not und zur Verkörperung einer Vision. „Und das ist das, was Sie erwartet.“

Dieses Versprechen erfüllt sich für keinen der Pioniere. Schnell wird der verheißungsvolle Track in die Goldgräberstadt Dawson, zum lähmenden, auszehrenden Untergang. Schritt für Schritt wird die Situation auswegloser. Die Reise endet für das alte Ehepaar wegen einem Sturz vom Pferd auf halber Strecke. Ebenso zeigt sich schnell, dass der vermeintlich ortskundige Laser ein ruchloser Geschäftsmann ist, der sich im Dunkel der Nacht mit den Spareinlagen davon zu schleichen versucht und nur knapp der Hinrichtung in Selbstjustiz entkommt.

Die Reise wird zu einer Metapher. So wird der Wechsel der leeren Landschaften, durch unwirkliche Wälder kahler schwarzer Masten und steinige Einöde, zu einer mystischen, emblematischen Fahrt ins Innere der Figuren. Die Dialoge bleiben aus, die Stille nimmt überhand, bis sich am Ende der Familienvater Rossmann von der Leere überwältigt nackt und ohne Verstand der Wildnis ergibt. Mit steigender Verzweiflung entwickeln sich die Charaktere und zeigen Menschlichkeit. Die Fassaden und Geschichten fallen und zerfallen in echte Angst und Emotionen.

Die Mär des guten Menschen mit reinem Herzen wird hier zum Gleichnis. Nur die, die nichts hält und nichts fürchten kommen ans Ziel. Alle anderen werden von ihrem Vorleben, von ihren Begierden und Verpflichtungen zu Fall gebracht. Die zentrale Figur, die willensstarke Emily Meyer (Nina Hoss) reitet zuletzt alleine weiter gen Norden, vielleicht weil sie den ehrlichen Willen zum Gold hat, weil sie sich durch nichts von ihrem Weg abbringen lässt. Weder durch die Widrigkeiten der Wildnis, noch durch die Liebe und deren Verlust. Sie trägt das Herz aus Gold und verkörpert den modernen Menschen. Insofern kann der Film von Arslan als Parabel des Unternehmertums gelesen werden. Vielleicht eine zaghafte Versöhnung mit dem Kapitalismus.

NK

Der Trailer zum Film:

 

Interessante Hintergrundinformationen zu den historischen Bezügen des Films:

http://gold-im-kino.de/gold-hintergrund.php

beuys erfindet beuys

Joseph Beuys’ Bedeutung für die Kunst in Deutschland ist unüberschätzbar – dieser Satz würde wohl ebenso viel Zustimmung erhalten, wie die Behauptung, Beuys sei nicht viel mehr als ein egozentrischer Scharlatan gewesen. Dass er häufig und auch gerne im Mittelpunkt stand, an der Akademie, in den Medien und als zentrale Figur einer ganzen Künstlerbewegung, ist unbestritten. Genauso unbestritten ist inzwischen, dass Beuys mit der „Tatarenlegende“ seinen eigenen Mythos erfand.

Die fiktive Geschichte von den Krimtataren, die Beuys nach seinem Flugzeugabsturz im Kriegsjahr 1944 mit Filz wärmten und seine Wunden mit Fett pflegten, hielt lange als legitime Initialerfahrung des Künstlers her, die nebenbei auch die Wahl seiner bevorzugten Materialien erklären sollte. Dass außer dem Absturz selbst vermutlich kaum ein Detail der Geschichte stimmt, ist bereits lange bekannt. Doch auch knapp 30 Jahre nach Beuys’ Tod ist das Interesse an seinem Lebenslauf groß – vor allem daran, was davon wahr ist, erfunden, oder von Beuys verheimlicht wurde.

Der Fluxus-Künstler wird wahlweise als Ökoavantgardist dargestellt, als Sozialist an der Seite Rudi Dutschkes oder, wie in einer kürzlich erschienenen Biographie, als erbarmungsloser Karrierist, der seinen Ruhm nur der Förderung einiger Altnazis zu verdanken hätte.

Die Versuche, Beuys auf eine Identität festzusetzen, sind letztlich genauso ausdauernd wie unzulänglich. Sie wollen die Beziehung zwischen Künstler, Identität und Werk durch Aktenrecherche klären. Dabei bleiben die wichtigen Fragen offen. Wo verläuft die Grenze zwischen Biographie und Kunst und kann von so einer Grenze überhaupt die Rede sein?
Hat Beuys schlicht gelogen oder aus seinem Leben einen integralen Bestandteil seiner Kunst gemacht?

In seinem Werk hat das Thema Identität schon früh einen Platz. In der Ausstellung »der schein« ist Joseph Beuys mit seiner »Porträtbüste« von 1947 vertreten. Die Arbeit zeigt Beuys als androgyne Pharaonin Nofretete und spielt ironisch auf das narzisstische Dasein des Künstlers an.

Mythos und Selbstbild finden hier zueinander und scheinen der Frage nach Beuys’ Identität ergiebiger Rechnung zu tragen, als Mutmaßungen und fragwürdige Biographien.

JL